Violent Femmes – We Can Do Anything

Verdammt lange her

Wer sich an „Freak Magnet“ erinnern kann, oder sogar an „Blister In The Sun“, ist wahrscheinlich kein Teenager mehr oder hat das Glück, musikalisch sehr vielseitig interessierte Verwandte zu haben. „Bilster In The Sun“ war 1983 und „Freak Magnet“ ist auch erst wieder 16 Jahre her. Die Violent Femmes hatte ich im Geiste schon von meiner Liste der aktiven Bands gestrichen, als vor ein paar Wochen die Nachricht herum ging, dass jetzt doch noch mal ein neues Album kommen werde: „We Can Do Anything“.

Das neunte Studioalbum der US-amerikanischen Folk-Punk und Rock Band aus Milwaukee. Nach 16 Jahren. Himmel, wo ist die Zeit geblieben? Ok, 2001 gab es die Compilation, aber… 16 Jahre. Ähnlich hat wohl auch die Band gedacht, nennt den Opener „Memory“ („Erinnerung“) und spielt exakt so, wie ich die Band seit den 80ern in Erinnerung habe und beweist gleichzeitig, dass der Name des Albums ganz und gar nicht ironisch gemeint ist. Ein Gefühl von „zu Hause sein“ macht sich breit, denn unzählige Erinnerungen werden wach.

Gordon Gano, Sänger und Gitarrist der Violent Femmes sagte über das kommende Album:

Gordon Gano Credit CharlesCA CC30„There was a massive amount of material to draw from. I had so many cassette tapes, with songs and musical ideas recorded over 20 years or more. First we had to bring them into the digital world as to be able to access them and then it was just an incredible amount of listening. We did a whole lot of compiling and discovering forgotten songs.“
(Gordon Gano, Violent Femmes)

Gano sagt, dass es sehr viel Material gibt, auf das die Band zurückgreifen kann. Kassetten mit Songs und Ideen, die teilweise vor mehr als 20 Jahren aufgenommen wurden. All das musste zuerst digitalisiert werden, damit mit diesem Material überhaupt gearbeitet werden konnte und es war eine unglaublich umfangreiche Menge Material, das sich die Band anhören musste, bei der eine Menge Zusammenstellungen entstanden und etliche vergessene Songs wiederentdeckt wurden.

Wiederentdeckung

Violent Femmes Credit FotoPhest CC2.0Wiederentdecken ist treffend. Durch „We Can Do Anything“ habe ich die Band auch „wiederentdeckt“, diese eigenwillige Mischung aus amerikanischem Folk, Punk und Americana Musik, die mal sperrig, mal einschmeichelnd, mal relaxed und mal protestierend sein kann. Es ist eine spezielle Musik, die abseits des Mainstream und noch mehr abseits des typischen Musikgeschmacks hierzulange existiert und doch mehr zu sagen hat, als häufig auf den ersten Blick erkennbar ist.

Schon der Bandname ist in sich Widerspruch. „Femmes“, vom französichen Wort für „Frauen“ steht im Slang von Milwaukee für „Weicheier“ und das englische „violent“ für „brutal“ – „Brutale Weicheier“. Die weiche Seite der Violent Femmes zeigt sich immer wieder in der Musik, in entspannt klingenden Songs, unaufgeregt und lässig. Die Härte kommt dagegen eher durch die Inhalte der Musik, durch die Lyrics.

Wortspiele

Violent Femmes Sydney 1990 Credit Casliber CC3.0Gordon Gano spielt immer wieder mit Worten, ist doppeldeutig, zynisch. Religion und die Schattenseiten des Lebens wurden und werden immer wieder thematisiert und auch auf „We Can Do Anything“ erinnert die Musik immer mal wieder an Johnny Cash oder Jerry Lee, doch ist es eine Medaille mit zwei Seiten, die ihre Hoffnung auf eine bessere Welt eher auf die Flasche Whiskey in der einen und den Colt in der anderen Hand setzt: Sei ein guter Christ als Lebensmotto steht der Realität gegenüber, in der Kinder ermordet werden und Ehepartner erschossen werden.

„Big Car“ ist ein Paradebeispiel dafür. Das typisch amerikanische Thema „Hol Deine Freundin mit dem Auto ab“, Zeit mit einender verbringen. Ehe man sich versieht, ist sie tot und in der Wüste vergraben. Natürlich war es nicht seine Schuld, denn Satan hat ihn dazu gebracht zu tun, was er tat. Gott ist sein Zeuge!

Die Musik auf ihre Art schön, doch in ihnen schlägt ein dunkles Herz, das einem den Atem stocken lässt. Es sind Songs, die ihre Message subversiv, „hinten rum“, transportieren. Das macht sie gleichzeitig einfach und eingängig zu hören und schwer zu verdauen, sobald der Text angekommen ist und sich die ganze Tragweite der Geschichte entfaltet. Es ist dieser Aspekt, der die Musik der Violent Femmes zu dunkler Underground Musik macht, bei der „zuhören“ durchaus eine Herausforderung sein kann.

Violent Femmes – We Can Do Anything erscheint am 04.03.2016 bei [Pias] Recordings / rough trade

Offizielle Webseite der Violent Femmes (Die Violent Femmes bei Facebook)

Violent Femmes – Memory Live bei der The Late Show with Stephen Colbert

Violent Femmes – Blister In The Sun Live bei der The Late Show with Stephen Colbert

(Bild: CharlesCA, CC3.0, FotoPhest, Casliber CC2.0)

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