Vizediktator – Rausch – Prost!

Mein Weltbild ist erschüttert

Mal ganz ehrlich jetzt? Wirklich? Ich bin enttäuscht. Mein Weltbild ist erschüttert, lange wahr geglaubtes liegt in Scherben zu meinen Füssen, … Was? Nein, damit meine ich nicht das Album Vizediktator – Rausch. Das ist klasse. Aber jetzt mal im Ernst: Viezediktator wurde mir als Deutschpunk angekündigt, und entsprechend vorsichtig bin ich da ran gegangen: Anlage auf halbe Lautstärke, um meine Fenster (und das Verhältnis zur Vermieterin) nicht zu gefährden, den Finger über dem Notaus-Knopf… Nix. Die können Instrumente spielen, und das auch noch gut. Und sie wissen, wie man eine CD abmischt. Und das auch noch gut. Erschütternd!

Danach, dachte ich mir, greife ich mir meinen Punk aus dem Bekanntenkreis, setz mich mit dem zusammen auf ein paar Bier und der Scheibe hin und wir quatschen drüber, er sagt mir, was Klasse ist, und wo es Bockmist geben kann. Und was ist? Mein Punker verklickert mir, er habe ja diese Woche Frühschicht und am Wochenende müsse er eh zu Mama fahren. Oh tempora, oh mores! Was ist denn los hier? Was ist aus Sex, Drugs and Loud Music With Stones In geworden? Frustriert mach ich mir mein erstes Bier auf. Prost!

Vizediktator Live (Bild: Holger Pelzer)Arbeit

Es bleibt also an mir hängen, und ich werf‘ die Scheibe zuhause wieder ein. Lese dazu den üblichen Begleittext, lerne, dass Vizediktator – Rausch sogenannter „Strassenpop“ ist – Deutschpunk mit Einflüssen von Post-Punk und Power-Pop und mit Anleihen aus früher NDW und New Wave. Manchmal frage ich mich echt, wie bei so viel Stil noch Platz auf der Bühne ist für die Musiker. Okay, bei einer Frauenband könnten sie ja noch fliegen, aber Benjamin, Hannes und Marco klingen jetzt nicht so ganz nach Vertretern des weiblichen Geschlechts. Im Gegenteil: die rauchige, knarrige Stimmen von Hannes und Benjamin klingen sehr maskulin, sehr überzeugend, extrem authentisch. Begleitet von einer aufs Wesentliche reduzierten instrumentalen Begleitung aus Bass, Gitarre und Drums. Und klarer Gesang oben drauf, teilweise an der Grenze zum Screaming, aber klasse zu verstehen, und auch zum mitsingen, mitgröhlen zeitweise. Ich bekomme Bock auf mein zweites Bier. Prost!

Feinheiten

Auf der EP Vizediktator – Rausch sind insgesamt sechs Tracks mit einer Gesamtspieldauer von knapp 18 Minuten. Die meisten Songs sind voller Weltschmerz, Liebeskummer, Trauer. Ein wenig auch Zorn. An zwei Stellen kommt in den Lyrics klar und deutlich eine antikapitalistische, antifaschistische Einstellung rüber – wenigstens das hat sich im Punk noch nicht geändert. Darauf erstmal ein Bier – Prost! Stadt Aus Gold ist eine Kampfansage gegen das Ausbeuten anderer Menschen, gegen Anhäufung von Reichtum. „Tod denen, die versuchen, sich zu bereichern an den andern. Tod der Gier auf den Besitz“ – da bleibt nicht mehr viel Raum für Interpretationen. Und das Bier schmeckt so langsam – Prost!

Auf Vizediktator – Rausch sticht das letzte Lied deutlich heraus. Dessau, so heißt der Song, beginnt mit Dissonanzen, mit Rauschen, bevor der Bass einsetzt, ein langes Intro, der Gesang fast Sprechgesang, auch hier dissonant, ungewohnter Sprachrythmus in den Sätzen. Vizediktator besingen hier einen Vorfall vom 11. Juni 2000. An diesem Tag starb der erste Ausländer in Sachsen-Anhalt, der Mosambikaner Alberto Adriano, nach einer Attacke durch drei rechtsextreme Gegner. Das spricht Vizediktator nicht direkt aus, zeichnet aber ein sehr deutliches Bild. Und dieses Bild wird mit brutaler, schwer tanzbarer, absolut Disco-untauglicher Musik umgesetzt und brennt sich ein. Wie gesagt, dieses Lied fällt komplett aus dem Rahmen der anderen Stücke auf diesem Erstlingswert – und es ist unfassbar eindringlich.

Leise nehme ich das nächste Bier – Prost! – wie viele waren das jetzt eigentlich? – und starte die CD von neuem…

Vizediktator – Rausch Release Konzerte:

19.02. Hamburg – Gun Club
20.02. Berlin – Monarch

Vizediktator – Rausch erscheint am 19.02.2016 bei Sportklub Rotter Damm

Webseite von Vizediktator (Facebook)

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