Xanthochroid – Of Erthe and Axen Act I

Cinematic Black Metal

Die Ankündigung eines cinematischen Black Metal Albums lässt mich in der Regel nicht vor Ehrfurcht erstarren. Nicht etwa, weil ich Black Metal doof finde oder weil ich mit einem an Film angelehnten Konzeptalbum nichts anfangen kann. Meistens arten solche Produktionen leider in ein schier endloses Gefrickel aus, das am Ende doch wieder nur ermüdend überladen und deshalb einfach nur anstrengend ist. Xanthochroid – Of Erthe and Axen Act I lag deshalb auch etwas bleiern hier auf dem Tisch und erfreute sich meiner profunden Skepsis – um nicht zu sagen intuitiven Ablehnung – ohne jemals von mir gehört worden zu sein.

Schieb es auf meine Langeweile oder Neugierde, jedenfalls fand dieser erste Teil des neuen Albums von Xanthochroid aus Kalifornien heute den Weg in den Player. Es wäre glatt gelogen, wenn ich jetzt behaupte, dass das so geplant war. War es nicht. Ich kannte weder die Band noch hatte ich irgendeine Vorstellung davon, was die bis heute so gemacht haben. Umso verblüffter war ich, als die Band um Sam Meador (Keyboard, Gitarre, Gesang) sich mächtig ins Zeug legte und mich völlig unerwartet total von sich überzeugte.

Xanthochroid – Of Erthe and Axen Act I

Tatsächlich erregte der orchestrale Opener meine Aufmerksamkeit, denn da zeichnete sich etwas ab, was ich so gar nicht mit Black Metal in Verbindung brachte. Das hat schon was von einer klassischen Ouvertüre, ist durchdacht, entwickelt Atmosphäre und zeichnet Themen vor. Das Probehören wird direkt unterbrochen und an die große Anlage verlegt. Hier passiert mehr, als meine kleinen Bürobrüllwürfel nachzeichnen können.

Mit allem Lebensnotwendigen bewaffnet (Kaffee, Kekse) und entspannt die Realxfunktion des Sofas ausnutzend macht Musikhören doch gleich viel mehr Spaß. Gut, die große Anlage enthüllt denn auch etwas ruppig, dass hier kein Symphonieorchester am Werk ist. Trotzdem ist die Stimmung bei Opener schön ausgewogen und hat schon was von Kino. Von Black und erstrecht von Metal allerdings bis hier hin keine Spur, was mich aber ehrlich gesagt überhaupt nicht stört.

Jo wos is jetzt des?

Die Band stellt sich behutsam vor. Eine bezaubernde Frauenstimme singt im Duett, das ich vielleicht als Folk einordnen würde, aber Metal ist auch das nicht, es sei denn, Metal hat sich über Nacht von allem verabschiedet, was ich mit Metal verbinde. Dennoch: Der Song ist verdammt gut gemacht. Da passt alles. Die Instrumente sind angedeutet, vorsichtige Untermalung und Flankierung, aber der Kern sind die beiden Stimmen, die eine bemerkenswert starke Ausstrahlung entwickeln, die zwischen mystisch und verzaubernd Lust auf mehr macht – es sei denn, man will Geballer. Dann ist das hier eher die falsche Baustelle.

Die heimelige Ruhe im Elbenwald findet jedoch ein jähes und beklagenswertes Ende, als sich mit dem nächsten Song eine Dampfwalze in Form beeindruckend komplexer Kombination aus orchestraler Musik und furiosem Melodic Black Metal den Weg durchs Unterholz bahnt. Aber obwohl ich das musikalische Äquivalent zu Äxten, Kettensägen und Flammenwerfern erwartet habe, randaliert die Band nicht etwa elefantös durch den zuvor so sorgsam eingerichteten Porzellanladen. Vielmehr baut sie auf dem Folk auf und liefert. Und wie die Kapelle liefert. Alle Achtung.

Die sorgsam dosierte Kraft wird nicht durch Unvermögen oder Ahnungslosigkeit kastriert, sondern sehr intelligent und überlegt verteilt. Ja, der Kontrast zum Anfang des Albums ist heftig, aber was da musikalisch abgeht, ist ganz bestimmt kein Kindergeburtstag. Die Band erzählt nicht nur mit ihren Texten eine Geschichte, sondern auch mit den Instrumenten. Allerdings belässt sie es nicht bei einer Handvoll effektbeladener Powerchords, sondern baut nach und nach eine Klangwelt auf, die geprägt ist durch einen soliden Unterbau im Metal, aber darüber hinaus noch sehr viel mehr zu bieten hat.

Vergiss die Genres

Die Reise durch das Abenteuerland legt Zwischenstopps beim Progressive Metal, beim Math Rock, Folk Rock, Death Metal, Symphonic Metal und auch Black Metal ein, aber zu sagen dies wäre ein … such Dir aus, welches der eben genannten Etiketten Du hier jetzt sehen möchtest … es wäre falsch. Xanthochroid greifen ganz tief in die Schublade und toben sich zwischen Kraft und Emotion aus, verbinden beides mit intelligentem Songwriting und beeindruckend eleganten Lyrics. Da ziehe ich meinen Hut!

Xanthochroid – Of Erthe and Axen Act I verlässt sich weniger auf das übliche Metal-Format. Stattdessen verfolgt die Band eigene Ideen und interpretiert die Stile im weitesten Sinne in einem Metal-Rahmen, der zwar über längere Passagen Doom, Death oder Black Metal sein könnte. Was aber zwischen diesen äußeren Begrenzungslinien passiert, geht weit über diese Einschränkungen hinaus. Zwischen drin langt die Band richtig feste zu und tobt sich aus, doch stets mit Bedacht und nie eskalierend.

Das Ergebnis ist ein komplexes Gesamtkunstwerk, das durchaus ein Konzeptalbum ist und gleichzeitig doch eindeutig auch Spaß macht. Es ist weder überladen, noch mit zu viel „Wollen“ vollgestopft. Die Dynamik des Albums bewegt sich ähnlich wie Ebbe und Flut. Mal ist sie voll da, gibt richtig Gas und langt volles Brett hin, dann zieht sie sich zurück, lässt Raum zum Atmen, zeichnet mit feinen Pinselstrichen Bilder, die tatsächlich eine zusammenhängende Geschichte erzählen.

Viel mehr Sein als nur Schein

Mit Of Erthe and Axen Act I schafft Xanthochroid das für mich ehrlich verblüffende Kunststück, eine vorschlaghammergarnierte Tragödie zu erzählen, die ich der Band auch wirklich abnehme. Das Spiel der Band ist authentisch, dicht und stimmig. Nichts wirkt künstlich oder mit Gewalt in einen Song hineingedübelt. Jedes Ding hat seinen Platz und seinen Zweck, spielt eine Rolle im Gesamtwerk und ja, insgesamt ist Of Erthe and Axen Act I gar nicht so weit weg von klassischen Kompositionen, deren Verwandtschaft mit dem Opener angedeutet wurden.

Allerdings ist Xanthochroid – Of Erthe and Axen Act I kein Album, das man einfach so mal eben nebenbei hören kann. Nicht nur, weil die Musik dazu zu komplex, zu raffiniert gemacht und zu intelligent strukturiert ist. Das gilt insbesondere auch, weil die Wechselwirkung zwischen Musik und Geschichte dann einfach verloren geht. Wenn die Musik im Hintergrund vor sich hin dudelt, ist sie zu aufdringlich und wegen ihrer Komplexität auch zu anstrengend, weil sie dazu nicht gemacht wurde.

Seine ganze Pracht, die Wechselwirkungen zwischen ausgereiften Texten, schönen orchestralen Passagen, verträumten akustischen Stellen und knüppeldickem Metal entfalten sich erst dann zu ihrer ganzen Pracht, wenn man dem Album Raum und Zeit gibt. Dann allerdings belohnt Xanthochroid seine Zuhörer mit einer beeindruckenden Reise, die weit mehr zu bieten hat, als ich erwartet habe. Ich bin ehrlich beeindruckt, um nicht zu sagen begeistert und bin jetzt schon gespannt auf Act II, der im Oktober folgen wird.

Xanthochroid – Of Erthe and Axen Act I erscheint am 22.08.2017 bei Erthe and Axen Records

Offizielle Webseite der Band

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Xanthochroid – To Higher Climes Where Few Might Stand [New Song 2016] OFFICIAL LYRIC VIDEO

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